Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich mir eine Erinnerung in meinem Handy eingerichtet, die mich jeden Abend um 19:50 daran erinnert den Fernseher für die Nachrichten einzuschalten. Es war mir wichtig, dass ich auf dem neusten Stand bin und immer weiß, was um mich herum und in der Welt passierte. Im Auto lief überwiegend das Radio, welches halbstündlich über aktuelle Geschehnisse berichtet und auf der Arbeit sorgte es leise für die Untermalung im Hintergrund. Nachrichten waren immer gegenwärtig und wurden oftmals auch einfach unterbewusst konsumiert.

‚Man muss doch wissen, was in der Welt los ist‘

Was auf dieser Wunderkugel alles passiert, erfahren wir täglich in den Nachrichten

Unsere Welt ist so schnelllebig geworden, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten. Nachrichten zu schauen bringt da ein bisschen Ordnung in die unendlich vielen Geschehnisse in Deutschland und auf der Welt. Sie decken unser menschliches Informationsbedürfnis und zeigen uns gefiltert und komprimiert in relativ kurzer Zeit, was aktuell wichtig ist. So verfolgen jeden  Tag rund 70% der Deutschen regelmäßig Fernsehnachrichten. Nachrichten gehören sogar zur verfassungsrechtlich gesicherten Grundversorgung.

Ich möchte euch eine kleine Geschichte erzählen

In diesem Zusammenhang möchte ich gern eine kleine Geschichte mit euch teilen:

Es klingelt bei euch an der Tür. Ihr öffnet und es steht jemand dort, den ihr schon das ein- oder andere Mal gesehen habt. Ihr kennt diese Person zwar nicht persönlich, aber irgendwie wirkt sie auf euch vertrauenswürdig.

Ihr nehmt diese Person mit in euer Wohnzimmer und lasst sie bei eurem spielenden Kind warten, bis ihr das Essen, welches ihr gerade in der Küche vorbereitet vom Herd genommen habt, damit ihr euch auch entspannt ins Wohnzimmer setzen könnt, um die Person näher kennen zu lernen.

Während ihr nun wieder in der Küche angekommen seid, hört ihr natürlich mit einem Ohr zu, was die Person im Wohnzimmer eurem Kind erzählt. Ihr hört Worte, wie Mord, Vergewaltigung, HassKorruption, Krieg und Verrat.

Wie lange würde es da wohl dauern, bis ihr diese Person mit besten Grüßen wieder aus eurem zu Hause schmeißen würdet? Niemand hat das Recht euch und eurem Kind solche Gruselgeschichten zu erzählen und es zu ängstigen!
Aber wovon spricht der Fernseher, oder das Radio da die ganze Zeit? Meistens in Dauerschleife über den Tag verteilt?

Was ist gerade aktuell?

Ich schreibe diese Artikel am Freitag, den 10. November 2017. Der Einfachheit halber lasse ich die Printmedien einmal außen vor und beschränke mich auf die Online-Version der Nachrichtenseiten, welche wir ja gern mal bequem in Bahn und Co. oder in der Pause auf der Arbeit konsumieren.

So schreibt der Spiegel beispielsweise: Messerattacke in Hamburger Supermarkt. ‚Ja, ich bin ein Terrorist‘.

Die Zeit meldet sich mit Steuerflucht – Notfalls allein gegen das Paradies zu Wort.

Von der Welt lesen wir (nachdem wir an dem großen Bild von Gewalt vorbei geschaut haben): Das Ziel von Ahmad A. waren Deutsche Christlichen Glaubens.

Auf der Seite der Tagesschau erscheint groß US-Präsident in Vietnam – Erst Staatsmann, dann typisch Trump.

Den Vogel schießt natürlich wieder die Bild ab: Plötzlich macht Steven Seagal seine Lederhose auf – Frau von Talk Queen Ellen DeGeneres wirft Action-Star sexuelle Belästigung vor

Dies waren alles Meldungen, nach denen ich nicht lange suchen musste. Sie waren direkt auf den ersten Blick auf der Startseite der einzelnen Nachrichtenplattformen sichtbar. Die aktuellsten Nachrichten, die ich um 12:55 konsumieren konnte. Das, was Deutschland gerade beschäftigt und bewegt.

Es geht um Szenen der Gewalt, die sich bereits Ende Juli ereigneten, um Betrug in Form von Steuerflucht, um US-amerikanische Politik und (zumindest im weitesten Sinne) um Sex.

Wer Zeitung liest, weiß was in der Welt passiert! – Nein… Nur was in der Zeitung steht.. Bild: Handelsblatt

Die Gefühlsebene

Spannend finde ich immer wieder, welche Gefühle all diese Informationen auslösen. Diese schwanken irgendwo zwischen Angst, Verärgerung und Belustigung. Wir fühlen uns unsicher in unserer Stadt, oder unserem Land, ängstigen uns vor der Zukunft und den möglichen anstehenden Veränderungen, wenn dieses oder jenes Szenario eintritt, von dem schon so lange berichtet wird. Wir fühlen uns klein, hilf- und machtlos. Gerne auch mal fassungslos.

Wie intensiv jemand diese Gefühle spürt, ist natürlich von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich. Der eine kann sich davon relativ gut lösen, wohingegen ein anderer sie in sich aufsaugt und total empfänglich dafür ist. Ich persönlich merke, dass mich diese Gefühle schnell total überrennen und ich mich ihnen dann oft hilflos ausgeliefert fühle. Ein Grund dafür, warum ich Nachrichten meide.

Zudem gibt es eine Ebene, an die wir, wenn es um Nachrichten geht, nicht direkt denken. Eine Ebene, die oft unterschätzt wird.
Und zwar die Ebene des Unterbewusstseins.
Dieses lenkt nicht nur unsere aktiven Handlungen und unsere Gefühle, es schneidet auch mit, was wir passiv wahrnehmen. Während ich diesen Artikel hier schreibe, höre ich im Hintergrund das Rauschen von Autos, das Tippen von Fingern auf ihren Tastaturen, hier und da ein kurzes Gespräch (zur Erklärung: ich arbeite im Coworking-Space). Doch nicht alles davon nehme ich bewusst wahr. Würde ich das tun, wäre mein Kopf total überladen von all den Informationen, die im Sekundentakt auf mich einprasseln. Ich wäre gar nicht mehr in der Lage einen vernünftigen Satz zu formulieren.

So ist es auch mit den Informationen, die die Nachrichten beinhalten, selbst wenn wir gar nicht aktiv zuhören. Sie finden ihren Weg in unser Unterbewusstsein. Dieses prüft dann kurz, ob diese jetzt für uns relevant sind und blendet sie gegebenenfalls aus. Aber wer kennt das nicht? Da macht man was ganz anderes, und dann hören wir irgendwo dieses eine Wort, welches unsere volle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein sicheres Zeichen, dass wir unterbewusst zugehört haben, egal, was wir eigentlich gerade gemacht haben.

Der Punkt dabei: Auch wenn wir nicht aktiv zuhören, so befasst sich unser Gehirn dennoch mit den Thematiken und Verknüpft die Worte mit den Emotionen, die wir damit verbinden. Auch ohne aktives Zuhören, hören (und fühlen) wir mehr, als wir manchmal denken.

Früher war alles besser

Ist die Welt wirklich so schlecht, wie die Nachrichten sie uns zeigen?

Wann liest oder hört man in den Nachrichten mal etwas, das mit durchaus positiven Emotionen verbunden ist? Etwas, das uns gute Gefühle bereitet und uns ein Lächeln ins Gesicht zaubert?

Richtig: viel zu selten. Wir bekommen den Eindruck, dass wir in einer Zeit leben, die von Tag zu Tag schlimmer, gefährlicher und böser wird. Eine Zeit, in der wir vor nichts und niemandem sicher sind und von Lügnern regiert werden. In der wir an jeder Ecke, erschossen, erstochen oder auf andere Art und Weise verletzt werden können.

Aber ist es wirklich so, dass es an der heutigen Zeit liegt? Wird man irgendwann in die Geschichtsbücher schauen und sagen: ‚Oh ja, das Jahr 2017… Nie hat die Menschheit so ein schlechtes Jahr erlebt‘? Ich denke, dass die Welt schon immer gleich gut oder schlecht war, nur bekommen wir in Zeiten, in denen wir so unwahrscheinlich schnell an Informationen kommen einfach weit mehr mit.

Nehmen wir doch mal das Beispiel mit der Messerattacke in Hamburg. An diesem Tag im Juli bekommt diese Information ganz Deutschland in den Abendnachrichten mitgeteilt. Egal, ob sich jemand in Berlin, Stuttgart oder Hildesheim aufhält. Wäre dieser Angriff nun aber vor längerer Zeit passiert, hätte es eine Ewigkeit gebraucht, bis sie sich verbreitet. Wir hätten davon womöglich gar nichts mitbekommen.

Und was hat das jetzt mit mir zu tun?

Das Problem daran ist, dass die meisten der Themen, die die Nachrichten zeigen, nichts mit uns persönlich zu tun haben. Wir sehen Bilder aus Kriegsregionen, bei denen wir nicht eingreifen können. Wir sehen Bilder aus der Politik, bei der wir (nach den Wahlen) keinen Einfluss mehr haben. Ausgenommen natürlich, wir entschließen uns selbst aktiv in die Politik zu gehen. Wir sehen Bilder von Verkehrsunfällen, bei denen wir nicht mehr eingreifen können. Wir sehen so vieles, das für unser tägliches Leben eigentlich keine Relevanz hat, weil es außerhalb unseres persönlichen Machtbereichs liegt.

Gelegentlich schaffe ich es nicht, den Nachrichten komplett zu entfliehen. Irgendwo läuft immer mal ein Radio oder ein Fernseher mit aktuellen Informationen. Oft stelle ich mir aber die Frage: Was hat das jetzt mit mir zu tun?

Ein Beispiel: Im Sommer hat es hier in Berlin einen Tag gegeben, an dem es wirklich stark geregnet hat. Man könnte sagen, es hat geschüttet, wie aus Kübeln. Dabei hat sich bei einem der Engel an der Domkuppel ein Triangelstab gelöst. Industriekletterer wurden beauftragt, diesen zu reparieren. Das gelang allerdings erst im zweiten Anlauf, da sie beim ersten mal die falschen Schrauben dabei hatten.

Diese Nachricht lief jede halbe Stunde im Radio. Eben fand ich sogar eine kurze Nachricht dazu in der Süddeutschen Zeitung. Ist diese Nachricht wirklich für ganz Berlin wichtig? Geschweige denn für ganz Deutschland? Oder eigentlich doch eher nur für die Verantwortlichen des Berliner Doms? Darüber muss sich nun jeder selbst ein Urteil bilden. Für mich persönlich hatte diese Information eigentlich keine Relevanz – und das obwohl der Dom mein absolutes Lieblingsgebäude in der Stadt ist und ich mich jedes Mal riesig freue, ihn zu sehen.

Halbwertszeit einer Nachricht

Bei aktuellen Themen, wie die mit dem Berliner Dom, ist die Nachrichtenerstattung schnell abgeschlossen. Aber ist euch schon mal aufgefallen, dass es immer ein Thema gibt, über das für eine gewisse Zeit ganz intensiv berichtet wird und dieses danach kaum noch auftaucht?

Da ich schon lange keine Nachrichten mehr verfolge, bekomme ich auch nicht mehr viel von den aktuellen Themen mit. Aber ich erinnere mich, dass es eine Zeit gab, in der jeden Tag das Thema Flüchtlinge ganz stark präsent war. Aber es dauerte nicht allzu lange, bis die Berichterstattung darüber weitestgehend abebbte. Ich frage mich dann immer, ob dann wieder alles geregelt und in trockenen Tüchern ist, oder ob einfach alles gesagt ist und es niemanden mehr interessiert.

Manchmal kommt es mir so vor, als wären wir immer auf der Suche nach dem nächsten großen Skandal oder Thema. Als müsse da immer wieder etwas Neues kommen, damit wir unser Informationsbedürfnis decken können.

Gezielt Informieren, statt überrollen lassen

ALLES GUT – Wenn wir mal abschalten, ist die Welt gleich gar nicht mehr so böse

Wer hat uns eigentlich mal gesagt, dass es wichtig ist, dass wir immer auf dem neusten Stand sind? Im Endeffekt haben wir es von unseren Eltern oder der Schule mit auf den Weg bekommen. In manchem Einstellungstest war es wichtig, zu wissen, worüber aktuell berichtet wird.

Grundsätzlich erachte ich es auch nicht, als etwas Schlechtes, wenn man gut informiert ist. Jedoch reicht es auch aus, wenn man in unregelmäßigen Abständen mal die aktuellen Nachrichten überfliegt um sich einen groben Überblick zu verschaffen. Und meist ist es so, dass wir schnell mitbekommen, wenn etwas wirklich wichtiges passiert ist. Durch Social Media, oder persönliche Nachrichten von Freunden, die sich ggf. um einen sorgen, sind wir eigentlich genau so weit informiert, wie wir das für unser eigenes Lebenskonzept sein müssen.

Die Frage ist nur, ob man wirklich ungefiltert alles an sich ran lassen möchte, was gerade durch die Nachrichten als wichtig vorgegeben wird, oder ob man sich nicht lieber gezielt zu einzelnen Themen informieren möchte, die einen wirklich interessieren und die einen Einfluss auf das eigene Denken, Handeln und Fühlen haben.